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Text von Montag, 8. Dezember 2003

> k u l t u r<
 
 

 Eishockey-Kultverein: 100 Jahre und ein Pokalspiel  
 Marburg * (vic)
Meine Vorfreude ist groß. Endlich kann ich mal wieder bei einem Eishockeyspiel dabei sein! Da ich in Marburg wohne, bedarf es immer eines organisatorischen Kraftakts, derartige Spiele zu besuchen. Doch ab und an nehme ich den weiten Weg auf mich, um in meine Geburtsregion zurückzukehren und meiner Mannschaft aus Schwenningen die Daumen zu drücken.
Diesmal empfangen die Schwenninger Wildwings aus der zweiten Eishockey-Bundesliga den Erstligameister der Deutschen Eishockeyliga (DEL), die Frankfurt Lions. Das Spiel findet im Rahmen der ersten Pokalrunde des Deutschen Eishockeybunds (DEB) am Sonntag (12. September) statt.
Die Partie gegen den Deutschen Meister aus Frankfurt hat für alle Schwenninger Fans eine ganz besondere Bedeutung. Sie geht auf eine ziemlich brisante Vorgeschichte zurück.
Im Jahr 2003 mussten Schwenningen und Frankfurt in den Abstiegsspielen aus der DEL einen Absteiger ermitteln. Schwenningen gewann die Serie und sicherte sich damit den sportlichen Klassenerhalt in der ersten Liga.
Doch musste der Verein dann aus finanziellen Gründen den bitteren Abstieg in die Zweitklassigkeit hinnehmen. Das sportlich abgestiegene Frankfurt verblieb aber nicht nur in der DEL, sondern wurde 2004 auch noch Deutscher Eishockeymeister.
Der Spruch der Schwenninger Fans "ohne Wildwings wärt ihr gar nicht da", hat daher seine Berechtigung. Zusammen mit einigen eingefleischten Dauerkartenbesitzern, die zum "harten Kern" der Fans gehören, werde ich dieses Eishockeyfest erleben. Die Atmosphäre ist aufgeheizt und die Stimmung ist großartig.
Das Schwenninger Publikum gilt als extrem heißblütig und fanatisch. Da haben es nicht nur die gegnerischen Mannschaften, sondern auch die Schiedsrichter schwer. Der Schwenninger Hexenkessel ist berühmt-berüchtigt.
Eigentlich hatte ich für diesen Pokalknaller ein volles Stadion erwartet. Leider sind dann aber doch nur 2338 Zuschauer ins Stadion gekommen. Aber die, die da sind, machen Stimmung wie üblich. Auch ich habe Trikot und Fanschal dabei, wie die meisten anderen Anhänger auch.
Der Schwenninger Eis- und Rollsportclub (SERC), feiert gerade sein 100-jähriges Vereinsjubiläum. Doch hat der 1904 gegründete Verein nicht nur eine Eishockeyabteilung. Er hat auch Rollhockey, Eisstockschießen oder Eiskunstlaufen zu bieten. Die ersten offiziellen Eishockeyspiele fanden in den 20er Jahren in Schwenningen statt.
Endlich, das Spiel beginnt. Natürlich ist das Schwenninger Zweitligateam gegen den Deutschen Meister aus Frankfurt nur krasser Außenseiter. Eigentlich sollte es keine Chance haben. In einem Vorbereitungsspiel vor einigen Wochen hat das Team schon standesgemäß mit 2 zu 10 verloren. Es gilt also, das Ausmaß einer möglichen Niederlage in Grenzen zu halten.
Doch gilt auch hier wieder eine sportliche Grundregel: "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze". So beginnen die unterklassigen Schwenninger stürmisch und offensiv, frenetisch angefeuert und angetrieben von ihren Fans. Der Meister hat dem Schwenninger Sturmlauf außer Fouls nichts entgegenzusetzen.
So kassieren die Frankfurter viele zwei-Minuten-Strafen und Schwenningen agiert in den ersten 10 Minuten häufig in numerischer Überzahl. Beste Gelegenheiten können die Wildwings nicht nutzen. Sie scheitern immer wieder am Pfosten oder am überragend haltenden Frankfurter Torhüter Ian Gordon, der bis zum Schwenninger Abstieg noch bei den Wildwings gespielt hat.
Schwenningen hat die vielen Chancen nicht genutzt und Frankfurt kommt nun stärker auf. Ich denke, dass sich nun ein weiteres Sprichwort im Sport bewahrheiten könnte: "Wer seine Chancen nicht nutzt, wird bestraft". Doch mit Glück, Geschick und ihrem famos haltenden Torwart Rostislav Haas überstehen die Wildwings diese Situation. Mit einem erfreulichen 0 zu 0 geht es dann in die erste Drittelpause, was schon ein großer Erfolg ist. Trotzdem hätte Schwenningen aufgrund der großen Möglichkeiten auch gut und gerne führen können.
In der Vergangenheit sah das schon einmal viel düsterer aus. In den 60er Jahren stand das Schwenninger Eishockey schon einmal kurz vor dem Aus. Die alte Spielstätte konnte nicht mehr genutzt werden. Es war fraglich, ob ein neues Stadion gebaut werden würde. Ein Stadionneubau war erforderlich, um den Verein am Leben zu erhalten. Schließlich kam der Bau des Bauchenberg-Stadions aber doch noch zustande. Hier hat der SERC bis heute seine sportliche Heimat.
Die neue Schwenninger Mannschaft begann ab 1974 ihren unaufhaltsamen Aufstieg. In den folgenden sieben Jahren gelangen dem Verein drei Aufstiege. Als Krönung glückte 1981 der Aufstieg in die erste Liga.
Leider sind diese Zeiten lange vorbei. Das zweite Drittel fängt an und ich befürchte, dass uns der Deutsche Meister nun doch "hinwegfegen" wird, nachdem sich die Wildwings bis jetzt austoben konnten. In der Tat nehmen die Frankfurter Chancen zu, während die Schwenninger weniger vom Spiel haben als im ersten Drittel. Dann Tor für Schwenningen, aber der Schiedsrichter gibt es nicht.
Zum Ende des Mitteldrittels folgen die großen 5 Minuten der Schwenninger. In der 36. Minute erzielt Dusan Frosch auf Zuspiel von Dustin Whitecotton das 1 zu 0 für Schwenningen. Nach so vielen versiebten Möglichkeiten im Anfangsdrittel, ist das Tor für den SERC doch noch gefallen. Das Stadion ist ein Tollhaus. Der Jubel ist ohrenbetäubend und überschwenglich.
Ich und alle um mich herum brechen in riesigen Jubel aus. Wildfremde Menschen liegen sich jubelnd in den Armen. Doch damit noch nicht genug: In der 38. Minute ist Schwenningen wieder einmal in Überzahl, und diesmal klappt es. Jens Strankowski erzielt auf Vorlage von Dusan Frosch und Dustin Whitecotton das 2 zu 0.
Der Meister verliert langsam die Nerven und handelt sich eine weitere Strafzeit ein. Nachdem er schon die ersten beiden Tore vorbereitet hat, erzielt Dustin Whitecotton nach Vorbereitung von Ben Story in der 40. Minute das 3 zu 0 für Schwenningen. Das Stadion steht Kopf. Es gibt kein Halten mehr. Das zweite Drittel geht zu Ende und sensationell führt Schwenningen gegen Frankfurt mit 3 zu 0.
Auch in der zweiten Pause kommt mir wieder die Geschichte der Wildwings in den Sinn. In der ersten Liga setzte sich zunächst der Aufschwung des Schwenninger Eishockeys fort. 1990 erreichte die Mannschaft das Play-Off-Halbfinale. Das ist der größte Erfolg in der bisherigen Vereinsgeschichte.
Doch ab den 90er Jahren ging es dann langsam bergab. 1993 kam es zum sportlichen Abstieg, doch verblieb Schwenningen wegen des Lizenzentzugs für den Erzrivalen aus Freiburg in der ersten Liga. Im Jahr 2001 stand der Verein schon einmal kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Doch durch einen Kraftakt aller Beteiligten konnte der Club gerettet werden. In einer einzigartigen Spendenaktion trugen auch viele Fans zur Rettung des Vereins bei. So konnte man dem Tod noch einmal von der Schippe springen, was auch 2002 gelang. Dabei wurde Berlin in den Abstiegsspielen besiegt. Der sportliche Klassenerhalt in der ersten Liga war gesichert. Danach folgte das schon erwähnte "Frankfurter Dilemma", wonach die Schwenninger nach 22 Jahren der Erstklassigkeit den bitteren Gang in die zweite Liga antreten mussten.
Nun hoffe ich, dass sie das den Frankfurtern heimzahlen. Das letzte Drittel wird jedoch zur Schwenninger Abwehrschlacht. Die eigenen Gegenangriffe werden immer seltener. Frankfurt dagegen stürmt, was das Zeug hält, und nimmt das Schwenninger Tor unter Beschuss. Doch der vom Erzfeind aus Freiburg gekommene Torhüter Haas, hält und bringt die Frankfurter Spieler zur Verzweiflung. Er ist der überragende Spieler in einer großartigen Schwenninger Mannschaft.
Der Neuanfang in der zweiten Liga im Jahr 2003 ist den Schwenningern gut gelungen. Die Insolvenz wurde überstanden. Mit einer komplett neuen Mannschaft spielte man eine gute erste Zweitligasaison.
Schwenningen erreichte die Play-Offs und unterlag dabei dem späteren Aufsteiger Wolfsburg. Auch in der jetzt begonnenen Zweitligarunde strebt der Verein die Play-off-Teilnahme an.
Doch das wird von diesem Spiel gegen Frankfurt noch getoppt. Es geht weiter, ohne dass der Meister zu einem Torerfolg kommt: "Und ihr wollt Deutscher Meister sein!" höhnt es den Frankfurtern von den Rängen entgegen. Von der Handvoll mitgereister Frankfurter Fans ist indes kaum etwas zu hören, was die SERC-Fans zur Äußerung "Frankfurt, wir hören nichts" veranlasst. Die Zuschauer zählen die letzten 10 Sekunden des Spiels herunter. Dann ist es vollbracht. Es ist beim 3 zu 0 für Schwenningen geblieben. Das Publikum feiert ausgelassen und begeistert seine Mannschaft.
Ich bin froh und glücklich. Ich kann diesen Erfolg noch gar nicht fassen. Jetzt sind die Schwenninger das, was Aachen im Jahr 2003 nach seinem Sieg im Fußbalpokal gegen die Bayern war: Ein "Deutscher-Meister-Besieger!" Endlich war ich also wieder beim Eishockey, denke ich. Schöner hätte dieser Abend kaum verlaufen können als mit dieser Pokalsensation und dem Einzug in die zweite Pokalrunde.
 
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